Kulturhauptstädte Europas
Kleiner Zirkel, großer Einfluss

Seit 40 Jahren kürt die Europäische Union ihre Kulturhauptstädte. Doch wer bestimmt eigentlich darüber, welche Stadt den Titel bekommt? Unsere Recherche zeigt: Ein kleiner Kreis von Menschen hat, in wechselnden Rollen, maßgeblichen Einfluss.

Von Pia Behme, Max Kuball und Peter Sim |
Eine Nahaufnahme des mit rotem Licht angestrahlten Karl-Marx-Monuments in Chemnitz
Mit einer Lichtshow am Karl-Marx-Monument wurde das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt in Chemnitz eröffnet. (picture alliance/dpa/Jan Woitas)
Kulturhauptstadt zu werden – das verspricht Prestige, Besucher und kann die Wirtschaft ankurbeln. Deswegen investieren die Städte Millionen Euro in ihre Bewerbungen. Maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung haben oft die gleichen Leute – in wechselnden Rollen.
Es ist ein kleiner, wenngleich sich stetig wandelnder Zirkel von Menschen: Manche Namen tauchen immer wieder rund um das Kulturhauptstadt-Programm auf – mal als Jurymitglied, mal als Berater für die Kampagnen der Städte oder in einer leitenden Position bei einer Kulturhaupt- oder einer Bewerberstadt.
Es ist zwar durchaus legitim und legal, die Erfahrungen und Kontakte in Sachen Kulturhauptstadt zu nutzen und als Berater oder Beraterin tätig zu werden. Aber wo hört es mit reiner Expertise auf – und wo beginnen Interessenskonflikte beim Wettstreit um den lukrativen Titel Kulturhauptstadt?

Inhalt

Die Initiative „Kulturhauptstadt Europas“

Das EU-Programm „European Capital of Culture" – oder kurz ECoC – soll dafür sorgen, die kulturelle Vielfalt in Europa hervorzuheben, zugleich die Gemeinsamkeiten zu betonen und den Beitrag von Kultur zur Stadtentwicklung zu stärken.
40 Jahre gibt es das Kulturhauptstadt-Programm mittlerweile. Statt Kulturministern bestimmt heute eine europäisch besetzte Experten-Jury, welche Städte – inzwischen sind es jedes Jahr zwei oder drei – den Titel tragen dürfen.
Die EU legt lediglich fest, welcher Mitgliedsstaat in welchem Jahr eine Kulturhauptstadt stellen darf. Es konkurrieren also nicht etwa maltesische mit schwedischen Städten um den Titel, sondern stets nur Städte aus demselben Land: Für 2025 haben sich neben dem siegreichen Chemnitz sieben weitere deutsche Städte beworben.

Die Jury für die Kulturhauptstädte

Eine Stadt, die den Titel "Kulturhauptstadt Europas" erringt, erhält die Chance, sich – auch mithilfe von Fördergeldern der Politik – in Sachen Kultur, Image und Infrastruktur neu aufzustellen. Es geht also um viel für die Städte, die deshalb zum Teil mehrere Millionen Euro in ihre Bewerbungen investieren.
Da liegt es nahe, dass den Mitgliedern der “Selection and Monitoring Panel” genannten Jury bei den Besuchen vor Ort der rote Teppich ausgerollt wird. Der Österreicher Gottfried Wagner erzählt beispielsweise von einer Reise in die Slowakei. Seine Jurykollegen und er seien “mit einem Hubschrauber durch die Gegend geflogen worden, um die Stadt von oben zu sehen. Und es gab gewaltige Mittagessen.”
Ulrich Fuchs, Jurymitglied aus Deutschland, erzählt, er habe in Sofia "in dem Hotel auf meinem Nachttisch eine Uhr vorgefunden, die ich zur Rezeption gebracht habe; und einen Zettel mit einem etwas fragwürdigen Angebot, kostenlos in einen Nachtclub zu gehen."
Fuchs war als eine von insgesamt zwölf Personen von 2014 bis 2019 Mitglied des Panels. Zehn davon sind ständige Mitglieder, die von verschiedenen EU-Institutionen berufen werden. Eine Amtszeit dauert drei Jahre. Zu den zehn permanenten Experten stoßen für jeden Auswahlprozess bis zu zwei "nationale Mitglieder”.
Diese 10+2-Regelung gilt seit 2014. Seitdem 2001 die erste ECoC-Jury zusammenkam, gab es insgesamt drei verschiedene Phasen:
Wer ist nun "die Jury"? Dafür haben wir mit datenjournalistischen Methoden die sogenannten Selection Reports für die Kulturhauptstädte der Jahre 2005 bis 2029 ausgewertet, in denen das Panel seine Entscheidungen begründet.
In jedem dieser 44 Reports finden sich die Namen derjenigen, die abgestimmt haben. Demnach haben zwischen 2001 und Ende des vergangenen Jahres insgesamt 190 Menschen im “Selection and Monitoring Panel” mitgewirkt – davon 69 ständige und 121 nationale Mitglieder.
Schaut man auf die Herkunft der Menschen, die über die einzelnen Kulturhauptstädte abgestimmt haben, so fällt auf, dass einzelne Nationen deutlich überrepräsentiert sind:
Auch im Hinblick auf die einzelnen Personen mit den meisten Abstimmungsbeteiligungen liegen ein Österreicher und eine Polin vorne:


Das Verhältnis von Männern und Frauen ist annähernd ausgeglichen (56 Prozent Männer). Beim Juryvorsitz sieht das allerdings anders aus:


Nicht nur standen oft Männer der Jury vor, es waren vor allem Männer aus dem Vereinigten Königreich – trotz Brexit liegen sie weiterhin vorn:


Die Zusammensetzung des Entscheidungspanels erscheint also keineswegs ausgewogen.

Dieselben Personen, verschiedene Rollen

Die EU schreibt vor, dass die Jurymitglieder über "weitreichende Erfahrung und Fachkompetenz" verfügen sollen; und zwar entweder im Kulturbereich, auf dem Gebiet der kulturellen Stadtentwicklung oder in der Organisation einer „Kulturhauptstadt Europas“ bzw. einer anderen internationalen Kulturveranstaltung.
Das sorgt dafür, dass oft Menschen in die Jury berufen werden, die zuvor bereits eine leitende Position bei einer Kulturhaupt- oder einer Bewerberstadt innehatten. In der Jury des Jahres 2024 gilt dies für sechs der zehn ständigen Mitglieder.
Aber die Expertise dieser Personen ist auch sonst rund um das Thema Kulturhauptstadt sehr gefragt. Viele werden von Städten, die sich ebenfalls um den Titel bewerben wollen, als Beraterin oder Berater ihrer eigenen Kampagnen engagiert. Im Laufe der Jahre ist somit ein kleiner, wenngleich sich stetig wandelnder Zirkel von Menschen entstanden, deren Namen immer wieder rund um das Kulturhauptstadt-Programm auftauchen.
Der Beleg dafür findet sich in den sogenannten Bid-Books. Das sind die Unterlagen, mit denen sich die Städte bei der Jury bewerben. Wir haben die Bid-Books nach den Namen der 191 Jury-Mitglieder durchsucht und sind fündig geworden: 30 Personen tauchen in einem oder mehreren Bid-Books auf, waren also für mindestens eine Stadt entweder als Consultant oder Teil des Bewerbungsteams tätig. Das deutsche Jurymitglied Ulrich Fuchs arbeitete für mindestens drei Bewerberstädte als Consultant, weitere beriet er unentgeltlich.

Wo beginnt große Nähe

Nun ist es per se weder illegal noch moralisch verwerflich, wenn Menschen ihre Expertise, ihre Erfahrung und ihre Kontakte dafür nutzen, sie anderen beratend zur Verfügung zu stellen. Doch stellt sich die Frage: Wo hören Expertise und Erfahrung auf und wo beginnen Interessenkonflikte oder zu große Nähe?
Hanns-Dietrich Schmidt gehört zu dem wahrscheinlich professionellsten und erfolgreichsten Team von Kulturhauptstadt-Beratern. Seit 2011 hat er zusammen mit Nadja Grizzo und Neil Peterson nach eigener Aussage 29 Städte beraten. Mindestens zwölf seiner Kunden konnten sich im Auswahlverfahren durchsetzen und den Titel erringen. Schmidt & Co. sehen sich dabei immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden als Berater zu tief in die Bewerbung ihrer Kunden eingreifen.
Hanns-Dietrich Schmidt bestätigt, die Texte der Bid-Books in einem mehrstufigen Prozess zu kommentieren und die Präsentationsteams sehr intensiv zu coachen. Dabei müsse man vor allem zuhören und herausarbeiten, was die Gruppe bzw. die Stadt wolle: “Wir pflegen eine ganz intensive, langfristige Zusammenarbeit mit dem Team, was unter anderem bedeutet, dass wir mindestens alle zwei Monate in der Stadt vor Ort sind. Für uns ist wichtig, am Prozess zu bleiben, eng mit den Leuten zusammenzuarbeiten und nicht von außen zu sagen, wir wissen alles besser.”
Ein anderes Beispiel für mögliche Interessenkonflikte lässt sich an Suvi Innilä zeigen. Die Finnin leitet zunächst die Kulturhauptstadt des Jahres 2011, Turku, als Programmdirektorin. Später arbeitet sie als Beraterin, unter anderem für die finnische Kandidatenstadt Oulu. Anfang 2021 wird sie Mitglied des Selection Panel, bald darauf steht die Abstimmung über die finnische ECoC des Jahres 2026 an. Einer der verbliebenen Kandidaten: Oulu. Deshalb nimmt Innilä an der Abstimmung nicht teil. Sie selbst sagt dazu: "Dies war für mich selbstverständlich, auch wenn es für mich zu diesem Zeitpunkt keinen Unterschied machte, ob Oulu gewinnen oder verlieren würde."

Eigentlich wäre Rücktritt fällig gewesen

Die Regeln des ECoC-Programms sehen für einen Fall wie den von Innilä allerdings anderes vor: "Wird ein solcher Interessenkonflikt gemeldet oder tritt ein solcher Konflikt zutage", heißt es dort, "so tritt der betreffende Experte zurück". Von Enthaltung oder Fernbleiben ist dort keine Rede.
Wenn man diese Regel eng auslegt, hätte Innilä also direkt nach ihrer Berufung in die Jury wieder zurücktreten müssen. Ergebnis der Abstimmung: Oulu setzt sich durch und wird Kulturhauptstadt 2026.
Suvi Innilä hätte als ständiges Mitglied des Selection Panel über eine Kulturhauptstadt in ihrem eigenen Heimatland entscheiden können. In Inniläs und weiteren Fällen kam es durch Fernbleiben nicht dazu, in anderen schon – insgesamt vier Mal seit Einführung der Jury im Jahr 2001.

Alles sauber?

Das heißt natürlich nicht, dass automatisch ein Interessenkonflikt vorliegt, wenn jemand an der Auswahl im eigenen Land beteiligt ist. Bei einer international besetzten Jury ist es schwer, diesen Fall dauerhaft zu umgehen. Aber bräuchte es nicht klarere Regeln und generell mehr Transparenz, um den Anschein von Interessenkonflikten von vornherein zu vermeiden?
Es ist ein schmaler Grat: Auf der einen Seite betonen viele ehemalige Jurymitglieder, wie wichtig Erfahrung und Expertise seien, wenn es um die Arbeit der Jury oder um das Consulting der Städte geht.
Auf der anderen Seite sorgt dies dafür, dass man immer wieder auf dieselben Namen stößt, die sich in wechselnden Rollen rund um das ECoC-Programm tummeln – als Managerin, als Berater, als Mitglied des Selection Panels. Weil dieser Zirkel so klein ist und die Rollen mehrfach wechseln, besteht stehts die Gefahr von Interessenkonflikten.

Hinweise für unser Rechercheteam gerne an kulturrecherche@deutschlandradio.de
Faktencheck: Kathrin Krautwasser und Laura Mattausch